Regensburg, 14.04.2008

 

Hier muss ein Mord passiert sein

 

Lara Martelli mit ihrer spannenden Solo-Tanzperformance „B.A.N.G.“ beim Schleudertraum-Festival an der Uni

 

Von Michael Scheiner

 

"Alles beginnt mit dem Ende: Während das Publikum den Theaterraum an der Universität betritt, klebt die am (Tanz-)Boden liegende Lara Martelli ihren Körperumriss mit einem Kreppband ab. Ganz wie wir es vom Samstagkrimi kennen. Hier muss ein Mord passiert sein! Oder vielleicht doch nicht? Ist am Ende alles nur Einbildung, Sinnestäuschung, "self-fulfilling prophecy", wie es so schlüssig im Psychologenenglisch heißt? Eine Mutmaßung, eine Vorausdeutung, die sich quasi erfüllen muss, damit wir uns nicht eingestehen müssen einem Trugbild, einer Täuschung aufgesessen zu sein?

Wie auch immer, Lara Martelli, die italienische Choreografin und Tänzerin aus Berlin, entlässt ihre Zuschauer auch nach der Performance nicht mit einem erleichterten Aufatmen. Mit Bewunderung und reichlich Beifall für ihre Solo-Arbeit B.A.N.G. (Barbaric Act iN the Garden) – die eigentlich eine multimediale Gruppenarbeit ist – schon. Nur ohne Er- und damit Auflösung ihres getanzten Puzzles aus Momenten, Bildern und Minigeschichten.

Zwei Personen, den im Verstandesmäßigen und Eckigen verhafteten Detektiv und die sprunghaft-bewegliche, im Rausch ihrer Sinne durch Welt und über Wiese tanzende Frau als späteres Opfer, stellt Martelli vor. Eine dritte Person, den Täter (vielleicht ist es der Detektiv), bekommt das Publikum nicht zu Gesicht. Dafür eine Verdoppelung des Opfers als imaginäre Person über Videoprojektion, die sich ganz erstaunt, schaulustig, zweifelnd, auch ein wenig erschreckt und zunehmend angststarr selbst beim Tanzen zuschaut. Begleitet von zirpend-flötenden Klängen und melodischem Gitarrespiel, das von heftigen bedrohlichen Klangeruptionen zerrissen wird. Aus dem heiter-luftigen Tanz wird der gestelzte Pragmatiker auf der Suche nach Tatort- und Beweisspuren und schließlich ein raubtierhaft tanzendes Wesen, in dessen Bewegungen, katzenhaften Abläufen und hautnahen Spannungen purer Instinkt und eine erotische Fantasien anheizende Triebhaftigkeit zum Ausdruck kommen.

Schließlich im Video der – vermeintliche oder tatsächliche – Mord mit einem Küchenmesser, plakativ von blutrot dahinschwappenden Wasserläufen weggespült. Fast wirkt es ein wenig bevormundend, wenn Martelli nach dieser zunehmend dichter und spannender werdenden Tanzperformance noch selbstironisch eines draufsetzt und Fragen, die sich in den Köpfen des Publikums bilden oder bilden könnten, von einem Besucher vorlesen lässt. Der getanzte Abspann, verlegen, unsicher, spöttisch und unentschieden, anzüglich schwankend zwischen „Ja“ und „Nein“ als nicht mehr zuordenbare Antwort auf die Fragen, war ein köstlicher Höhepunkt des an ausdrucksstarken Bildern und körperhaften Transformationen reichen Gastspiels. „Bang, bang“ – mit diesem hübschen italienischen Lied entließ Martelli das Publikum – ratlos in die Nacht." © tanznetz.de 2008

 

"lara martelli, attrice e danzatrice, è stata una piacevole sorpresa. un’anomalìa. una alterità metodologica. una conferma, assieme a marussich, delle tesi sostenute in questa sede. nel suo spettacolo di teatro totale for sale il protagonista è il corpo, visto come oggetto di desiderio e di consumo.

la martelli orienta la ricerca nella direzione dell’atto totale dell’attore, combinando istinto e ragione, lavorando sulle forme organiche generate dai processi vitali e sulle miscele linguistiche eterogenee, semplici e affascinanti allo stesso tempo.

la spazialità dell’oggetto, glorioso e fosforescente, compie evoluzioni nello spazio scenico, rivelando un’anima dolce e intrepida.

il risultato complessivo non dipende né dalle tecniche né dal caso. deriva dalle metodiche impiegate, dalle facoltà investite e da un chiaro comportamento poetico dell’interprete, a tutto vantaggio della comunicazione e del piacere generato dalla vista degli occhi interiori ed esteriori.

non c’è una storia vera e propria, ma c’è tuttavia un plot (perché nella danza circola tanta avversione per la sostanza?). non c’è astrazione e non ci sono movimenti o gesti nello spettacolo. c’è invece un’accurata alchimia di azioni fisiche e di geometrie del caos che amano, possiedono e convincono lo spettatore a rimanere sino alla fine. lara martelli: un nome da ricordare, un’artista da seguire. in alcuni momenti è divina."

alfio petrini (amnesia vivace)

 

presse

"lara martelli ist eine furie...sie ist ein energiebündel. sie ist aber noch viel mehr: eine künstlerin deren ausdruckskraft und -wille enorm ist. und: sie hat etwas zu sagen. exakt wie ein anatom seziert sie die gesellschaftlichen spielregeln, die nach wie vor für frauen bestehen. es ist nur etwas spaßiger anzusehen."

tanzjournal

 

"...eine künstlerin, die man sich merken muss. in manchen momenten ist sie göttlich."

amnesia-vivace, italien

 

"sie tanzt berserkerhaft, wild, virtuos auf engstem raum...ihr tanz ist fulminant und energiegeladen. die zuschauer, sie waren hingerissen."

waz essen

 

"barbie with a scalpel"

…lara martelli is a fury…she’s a bundle of energy…and a lot more besides: she’s an artist with enormous strength of will and expression. and she has something to say. she dissects society’s game rules with the precision of an autopsy surgeon. it’s just much more fun to watch."

dagmar schenk-güllich tanzjournal

 

" anatomical streptease"

...the path the audience has to take across the stage is dark and passes closely by a solitary illuminated object: a vertically standing glass cube, half coffin, half museum’s display case…a painful arena of physical exposure – or simply just one side of the performer’s reality. the reality’s other side, the side of relishing in self exposure, is equally unmistakably when lara martelli stumbles from her cube and transforms herself into a provocative lolita traipsing around in stilettos, blowing up balloons and cheekily releasing them into the audience…in charmingly seductive scenes martelli exposes the circumstances of power between audience and performer; who’s manipulating who here is far from conclusive. at the end, lara martelli simply walks away from her audience as though she can’t think of anything else that can possibly satisfy their silent demands for creativity, fantasy and talent. a self-ironic and flirtatious exit…"

nicole strecker wdr mosaik